Die Aagenfelt-Barriere I


Kommentarnummer: 1127

Heftnummer: 2003

Erschienen: 01.01.1970

Betrifft die Begriffe:

Aagenfelt-Barriere    

   

Autor:

Rainer Castor

Erster Teil:

2003

Weitere Teile:

2008            



Es gibt in neuerer Zeit kaum ein technologisches Projekt der Liga Freier Terraner, das derart von Geheimhaltungsaspekten begleitet gewesen wäre wie die nach dem - infolge des Zugriffs von Morkhero Seelenquell - kürzlich verstorbenen Hyperphysiker benannte »Barriere«. Insbesondere der von Olymp stammende Wissenschaftler Sackx Prakma bekommt das äußerst intensiv zu spüren. Daß hierbei persönliche Animositäten zwischen ihm und dem Kommandanten der Blockadegeschwader hineinspielen, tut weniger zur Sache, denn auch ohne diese hätte er die maßgeblichen Informationen nicht auf dem Silbertablett geliefert bekommen. Der Kern ist hierbei eigentlich überaus simpel: Man erzeuge im Hyperraum eine passende Barriere, die für sich im Überlicht-Flugmodus nähernde Raumschiffe undurchdringlich ist, statte diesen Wall überdies mit einer Art Reflexions-Funktion aus, so daß die betroffenen Raumer gezielt abgelenkt werden, und vermine schließlich das so markierte Austrittsgebiet im Standarduniversum mit entsprechend hochbrisantem Material -voilà, das war es dann!
 
So einfach sich Tautmo Aagenfelts Konzept im ersten Moment anhört, so kompliziert ist die Anwendung. Schließlich soll sich die Wirkung auf alle bekannten Formen des Überlichtantriebs erstrecken, unabhängig vom verwendeten Triebwerks- und Raumschiffstyp, dem Überlicht-Faktor und was sonst an Parametern zu berücksichtigen ist. Vermutlich gibt es unter den terranischen Wissenschaftlern ohnehin nur eine Handvoll, die sämtliche theoretischen Grundlagen erfassen können - immerhin, soviel findet Sackx Prakma heraus, scheint Aagenfelt die auf Payne Hamiller zurückgehende Algebra um einige wichtige Eckpunkte und Anwendungsgebiete erweitert zu haben. Welche Probleme sich überdies bei der Umsetzung von der Theorie in die Praxis ergeben haben, soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden; Kleinigkeiten, soviel steht fest, waren es ganz sicher nicht. Vom hierzu nötigen Kostenfaktor ganz zu schweigen. Wichtig ist, daß das Ganze funktioniert...
 
Funktioniert? Nun ja, schon bei genauerer Betrachtung offenbaren sich eine ganze Reihe von »Schwachpunkten«, und es könnten unter Umständen sogar noch mehr sein, als Sackx Prakma direkt ins Auge fallen - sofern nicht Zusatzfunktionen vorhanden sind, die ebenfalls der strikten Geheimhaltung unterliegen und erst bei weiterer Anwendung offenbart werden dürften. Daß es solche gibt, kann eigentlich als sicher gelten; zu gegebener Zeit wird auf sie dann im Einzelnen einzugehen sein...
 
Auffallend ist, daß das gesamte Konzept zunächst einmal in schon perfekter, rhodantypischer Manier vor allem auf Bluff basiert! Denn eines liegt bei Kenntnis der Funktion auf der Hand: Der vernichtenden Wirkung ist problemlos auszuweichen, wenn man den stundenlangen Sublichteinflug in ein mit der Aagenfelt-Barriere geschütztes Sonnensystem in Kauf nimmt. Gerade diesen Aspekt versucht man natürlich durch die erhöhte Geheimhaltung vor jedem potentiellen Feind zu verschleiern; welche fatalen Auswirkungen vor diesem Hintergrund Reginald Bulls Entführung haben könnte, braucht wohl nicht näher erläutert zu werden. Damit nicht genug: Sogar die Blockadefunktion der Barriere an sich ist keine hundertprozentige. Mehr als ein Wirkungsgrad von achtzig Prozent läßt sich nicht erzielen; somit kommen - statistischen Gesetzen folgend - zwanzig Prozent der anfliegenden Feindraumer in jedem Fall am Ziel an und müssen dort bekämpft werden. Damit muß man sich also abfinden; aber wirklich Perfektes, von Menschenhand Geschaffenes gibt es nun mal nicht. Dieser Aspekt wird angesichts der sonst recht robusten und sicheren Technik leicht vergessen: Auch im 14. Jahrhundert NGZ ist das vielzitierte »Restrisiko« nie ganz auszuschalten, es gibt Unfälle, Pannen, ja sogar Katastrophen...
 
Da zur Erstellung der systemumspannenden Barrierefunktion das exakte Aufeinanderabstimmen der beteiligten WÄCHTER-Raumer Voraussetzung ist, leitet sich hieraus die nächste Schwachstelle ab. Schon minimale Abweichungen untereinander senken den Wirkungsgrad erneut oder machen die Barriere gar ganz unwirksam. Überdies sind zum Vollschutz mindestens sechs der je vier WÄCHTER-Schiffe umfassenden Blockadegeschwader erforderlich, sonst kann nur eine unvollständige oder partielle Wirkung erzielt werden. Warum überhaupt auf Raumschiffe zurückgreifen, wenn Vergleichbares von stationären Anlagen auf den zu schützenden Welten selbst ebenso gut hervorgerufen werden könnte? Die Antwort ist recht einleuchtend: Angesichts der durch das Kristallimperium erwachsenden Gefahr wäre der LFT mit einer Schutzfunktion wenig gedient, die nicht mobil ist - ein geschütztes Solsystem allein oder Anlagen, die auf eine Handvoll Systeme beschränkt sind, würden wenig bringen. Im Gegensatz dazu sind die Blockadegeschwader je nach Bedarf verlegbar, schnell und effizient - nicht zuletzt aus diesem Grund wurde ja auf dieses Konzept zurückgegriffen, statt die gewaltigen Anstrengungen und Kosten von Paratronschirm- oder ATG-Anlagen in Kauf zu nehmen. Bleibt noch die Frage, welche Auswirkung der Einsatz der Aagenfeld-Barriere in den eigenen Reihen hat. Unterbundener Überlichtflug betrifft schließlich auch die LFT-Raumer - oder? Die Antwort wird an anderer Stelle näher zu beleuchten sein...
 
Gravierend sind in jedem Fall die ökonomischen Auswirkungen solcher Blockaden! Niemand kann ja in die betroffenen Systeme hinein oder heraus, sofern nicht der ganze Bluff auffallen, sprich: die Möglichkeit des nicht beeinträchtigten Sublichtfluges offenkundig werden soll, was die wunderschöne Schutzfunktion ad absurdum führen würde. Es sei denn... Ja, auch hier muß mit weiteren »Hintertürchen« gerechnet werden, aber diese fallen selbstverständlich ebenfalls unter die fast schon nervende Geheimhaltung


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