Im Kessel


Kommentarnummer: 1117

Heftnummer: 1993

Erschienen: 01.01.1970

Betrifft die Begriffe:

Kessel    

   

Autor:

Rainer Castor

Erster Teil:

1993

Weitere Teile:

            



Auf den ersten Blick handelt es sich beim Kessel der Doppelgalaxis DaGlausch/Salmenghest zunächst um ein zwar bedrohliches, aber durch die kollidierenden Einzelgalaxien erklärbares Phänomen. Denn daß mit solchen Kollisionen Prozesse verbunden sind, die nicht allein auf die konventionellen Wechselwirkungen beschränkt bleiben, sondern höhergeordneter Art sind, ist weder neu noch außergewöhnlich. Sogar die Beobachtung, daß im 5000 Lichtjahre großen Kessel permanent hyperphysikalischer »Überdruck« produziert wird, dessen abfließende Hyperenergie dann in Gestalt der Kesselbeben freigesetzt wird, braucht nicht zu verwundern. Aufmerken läßt dagegen die absolute Unzugänglichkeit dieses Gebietes - immerhin hat Shabazza in seiner Tarnung als Direktor 10 über lange Zeit versucht, in den Kessel einzudringen, ohne daß es ihm gelang. Wie es aussieht, half hierbei nicht einmal die ihm zur Verfügung stehende, mit Carithülle und Hypertakt-Triebwerk ausgestattete SOL. Und das will schon etwas heißen ... Sofern der Vergleich mit einem »Kessel« ein konkretes Modell darstellt und nicht nur eine allegorische Umschreibung ist, hilft uns vielleicht eine nähere Betrachtung weiter:
 
Ein solcher Kessel ist ein Behälter, der, beispielsweise mit Wasser gefüllt, zur Erhitzung eben dieses Inhalts benutzt wird; eine Öffnung oder ein Überdruckventil dient der Entlastung, und eine äußere Wärmequelle liefert die Energie. Energiequelle sind zweifellos die beiden Galaxien - Magnet- und Gravitationsfelder überlagern bei der Kollision, vereinzelt können sogar Einzelsterne aufeinanderprallen, zu Novae werden, und auch die mit den Sonnen verbundenen hyperenergetischen Emissionen bilden ein Interferenzmuster mit typischen Bereichen von gegenseitiger Verstärkung und Abschwächung. Einen »Behälter« im eigentlichen Sinne gibt es im Weltraum naturgemäß nicht, doch es ist anzunehmen, daß die mit oben beschriebener Überlagerung verbundenen Randbedingungen einen vergleichbaren Effekt zur Folge haben, während die normale Raumzeitstruktur analog dem Kesselwasser zu sehen ist. Wird dieses »Wasser« erhitzt, sprich: von außen Energie zugeführt, kommt es zunächst zu heftigeren Bewegungen der Moleküle, verbunden mit Konvektionsströmungen, Turbulenzen, schließlich zum »Brodeln«. Moleküle, die auf diese Weise ausreichend Überschußenergie erlangen, verdampfen; der »Druck im Kessel« erhöht sich. Ist ein Überdruckventil vorhanden, kommt es in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zur »Entlastung« - Dampf schießt aus ihm heraus. Die Bewegung der Galaxien, ihr »Schmirgeln« in Verbindung mit den dabei freigesetzten konventionellen und übergeordneten Kräften, entspricht einem »Brodeln« der normalen Raum-Zeit-Struktur; es kommt zu Deformationen und Verzerrungen, und die Überdruckentladung findet ihr Gegenstück in den Kesselbeben. Resonanzeffekte werden hier eine Rolle spielen - sprich: ein Mitschwingen der jeweils betroffenen Sonnen, sofern die vom Kessel ausgehenden Emissionen den Eigenschwingungen entsprechen. Im Extrem führt es zum gegenseitigen Aufschaukeln, einer typischen »Resonanzkatastrophe«. Verzerrungen und der vorhandene »Überdruck« bieten eine erste Erklärung, warum ein Eindringen in diesen Bereich unmöglich ist, sofern keine besonderen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, wie sie zweifellos die Virtuellen Schiffe bieten. Das erwartete Superbeben ließe sich mit einer »Explosion des Kessels« erklären, weil der aufgebaute Überdruck über das Ventil nicht schnell genug abgebaut werden kann und die Kesselwandung der Belastung nicht mehr standhalten kann ... Ist das alles?
 
Vom Grundsatz her haben wir es mit Prozessen zu tun, die bei allen erschreckenden Nebenwirkungen dennoch natürlichen Gesetzmäßigkeiten folgen; im Prinzip sogar recht einfachen, wenn unser Wasserkessel-Modell nicht zu sehr hinkt. Das besondere Interesse der Thoregon-Superintelligenzen legt jedoch die Vermutung nahe, daß es sich um etwas Besonderes handeln muß, um Effekte, die - vielleicht beim gegenseitigen Aufschaukeln - in Bereiche von ganz anderer Qualität umzuschlagen scheinen. Daß sogar sie, in geballter Konzentration von sechs überlegenen Entitäten, nicht so ohne weiteres in den Kessel einzudringen vermögen, stimmt sehr nachdenklich. Kommt doch die Fixierung auf einen genauen Termin und seine Einhaltung hinzu, was gar nicht zur sonst mit Superintelligenzen postulierten »Überzeitlichkeit« und ihrer Ausnutzung von paranormalen und auf den Hyperraum bezogenen Möglichkeiten in Übereinstimmung zu stehen scheint. Die mit dem Kessel verbundenen Kräfte beziehungsweise das Umschlagen zu einer »neuen Qualität« müssen also deutlich größer sein, als zunächst angenommen. Wir wissen, daß die Virtuellen Schiffe konstruiert wurden, um eine energetische Manipulation vorzunehmen, bei der die »Eigenschaft des Raumes selbst zu verändern« sei, auf einem »sehr hohen, kosmischen Niveau«, und weiterhin soll »der PULS entstehen, der für den Aufbau von Thoregon unabdingbar ist«. Was ist also »Thoregon« genau? Was haben wir uns unter diesem ominösen »PULS« vorzustellen? Mit Blick auf die »Dienstanweisung« der Diener der Materie und unserer Vermutung, Thoregon und die Beschaffung und Konservierung des Ultimaten Stoffes könnten miteinander zu tun haben, fragt sich, ob hier nicht etwas abläuft, was möglicherweise an den Grundfesten des bisherigen Weltbildes rüttelt ...
 
Apropos 1993:
In Moskau kommt es zum Putsch gegen Boris Jelzin; die CSSR wird in die souveränen Staaten Slowakische und Tschechische Republik geteilt; Federico Fellini stirbt; Nelson Mandela und Frederik des Klerk erhalten den Friedensnobelpreis; ein Bombenanschlag islamischer Fundamentalisten erschüttert das World Trade Center in New York; Buch des Jahres ist »Die Akte«; Film des Jahres »Jurassic Park«.


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