Elcoxol


Kommentarnummer: 1092

Heftnummer: 1968

Erschienen: 01.01.1970

Betrifft die Begriffe:

Elcoxol    

   

Autor:

Rainer Castor

Erster Teil:

1968

Weitere Teile:

            



Läßt man das von den Tazolen im Laufe der Zeit immer mehr verfeinerte und ritualisierte Beiwerk fort, das mit Elcoxol verbunden ist, bleibt unter dem Strich dennoch ein erstaunlicher »Stoff«. Überdies einer, der ohne nähere Betrachtung des besonderen Tazolen-Metabolismus in seinen Wechselwirkungsmechanismen vermutlich nicht zu verstehen ist> Tazolar, zweite Welt der Sonne Hilor, ist der Herkunftsplanet der Tazolen, die in ihrem Ursprung Wasserbewohner waren, aber sogar nach der Entwicklung zu Landbewohnern nicht die starke Abhängigkeit vom Wasser verloren. Vordergründig handelt es sich bei dieser Aussage um eine Trivialität - immerhin gilt gleiches für die meisten sauerstoffatmenden Organismen auf Kohlenstoffbasis, deren Körper zu 60 und mehr Prozent aus Wasser besteht, also auch für Terraner. Interessant ist allerdings, daß ein Großteil des tazolischen Stoffwechsels über die stets feucht zu haltende Haut abgewickelt wird. Tazolen besitzen zwar Lungen und einen Magen-Darm-Trakt, doch beiden kommt nicht die Bedeutung zu, welche Terraner von sich kennen: 30 bis 40 Prozent der Atmung werden nämlich über Hautporen abgewickelt, deren Anbindung an Kapillargefäßschleifen den Gasaustausch ermöglichen; fast 80 Prozent des Wasser- und Mineralbedarfs müssen über weitere Hautporen abgedeckt werden (der Rest ist Teil der Nahrungsaufnahme). Wichtige Stoffwechselorgane liegen deshalb direkt unter der Haut und sind an ihrem Pumpen und Pulsieren zu erkennen.
 
Wenn also gesagt wird, die empfindliche Haut sei ständig »vom Austrocknen bedroht«, verbirgt sich dahinter eine noch viel gravierendere Tatsache: Nicht nur die Haut ist hierbei betroffen, sondern der Gesamtorganismus - denn ohne Schlammpackungen in der Frühzeit oder die später ritualisierten Bäder würde ein Tazole verdursten! Mehr noch: Da viele wichtige Mineralien, Spurenelemente und Nährstoffe direkt über die Haut aufgenommen werden, kommt ihr maßgebliche Funktion beim Aufrechterhalten des Ionengleichgewichts zu (wichtig für Muskelbewegung, Übertragungsmechanismen der Nerven und so fort), und nicht zuletzt erfolgt über Poren eine teilweise Abgabe von Stoffwechselschlacken, die ohne Feuchtigkeitszufuhr die winzigen Hautöffnungen verkleben und im Extrem eine Selbstvergiftung hervorrufen können, die der eines Nierenversagens beim Menschen recht ähnlich ist. Ob mit diesen Besonderheiten letztlich die im Grunde geringe natürliche Lebenserwartung, vor allem die der Frauen, zusammenhängt, ist eine offene Frage, kann allerdings nicht ausgeschlossen werden. Um so wichtiger war da Ifos Entdeckung der Myr, später Myrden genannten Insekten, deren Hinterleibssekret sich als einer der wichtigsten Grundstoffe für die Gewinnung von Elcoxol herausstellen sollte. Wie nun die genaue Rezeptur dieses Stoffes auch aussehen mag, unter dem Strich sind es vor allem die mit ihm verbundenen Wirkungen, die uns an dieser Stelle interessieren: Elcoxol führt nämlich zu Abhängigkeit, ja Sucht, so daß im Extrem nur wenige Wochen ohne dieses Mittel auszukommen ist. Inwieweit hier ein psychischer Abhängigkeitsaspekt hineinspielt, ist von untergeordneter Bedeutung, denn die körperliche Abhängigkeit ist viel gravierender.
 
Einmal auf die stoffwechselfördernde Wirkung Elcoxols eingestellt, kommt der Körper offensichtlich nicht mehr ohne aus. Ohne Elcoxol ist der Betreffende zum »Austrocknen« verurteilt und stirbt qualvoll; mit Elcoxol dagegen verlängert sich in Abhängigkeit von der Dosis das Leben (erhobener Zeigefinger ist an dieser Stelle unangebracht - auch die Zellaktivatorträger sind im Grunde hochgradig Süchtige; Entzugsdauer von 62 Stunden führt zwangsläufig zum Tod ...). Bisherige Erfahrungen mit künstlicher Langlebigkeit (oder gar »Unsterblichkeit«) zeigten, daß es mit purer biochemischer und biophysikalischer Betrachtung allein kaum getan ist: Primärfunktion der Zellschwingungsaktivatoren ist eine Reizstrahlung auf hyperphysikalischer Basis, gleiches muß für die Zelldusche (Physiotron) oder für die Biophysikalische Hyperregenerierung der Okefenokees/Konstrukteure des Zentrums von M 87 gesagt werden. Sogar das Langlebigkeitsserum, mit denen es die Terraner im Jahr 2040 erstmals zu tun hatten (U-Lf 54 oder Immunserum X-1076 die Ara-Bezeichnung, 453 LS>Ara die Kurzformel irdischer Ärzte), zeigte, daß die Hauptwirkung weniger auf chemisch-physikalischer als vielmehr hyperenergetischer Natur basierte.
 
Das Serum war eine katalytische Trägersubstanz, bei der erst die psionische »Aufladung« durch die intelligenten Serumträger zu einer »Emission« des aus deren Blut hergestellten Mittels führte, die die Zellregeneration anregte, das Immunsystem extrem stärkte und somit in der Gesamtwirkung der von Zellaktivatoren ähnelte. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, daß genaue Analysen des Elcoxols ebenfalls eine »Hyper-Komponente« ergeben, und diese ist zweifellos primär an das Sekret der Myrden geknüpft. Ob allerdings Vil an Desch einer solchen Analyse zustimmt, dürfte zu bezweifeln sein. Die herausragende Stellung, die Elcoxol inzwischen für die Zivilisation der Tazolen insgesamt gewonnen hat, läßt keinen Platz für »moralische Entrüstung«: Was die einen als »suchterzeugende Droge« umschreiben können, ist für die Tazolen selbst zum »lebensnotwendigen Medikament« geworden. Ob man will oder nicht - diese Tatsache ist zu akzeptieren ...  
 
Apropos 1968:
Ein B-52-Bomber verliert beim Absturz auf Grönland seine aus vier Wasserstoffbomben bestehende Ladung; die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) wird in Großbritannien eingeführt; Juri Gagarin stirbt bei einem Flugzeugunglück; Martin Luther King wird ermordet, ebenso Robert Kennedy; sowjetische Truppen rücken in Prag ein


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