Exzentriker


Kommentarnummer: 1119

Heftnummer: 1995

Erschienen: 01.01.1970

Betrifft die Begriffe:

   

   

Autor:

Rainer Castor

Erster Teil:

Weitere Teile:

            



Es überkommt einen das Grausen, und der Verstand weigert sich mitzumachen: Eine Lebensspanne, die in Jahrmillionen rechnet, ist für uns »Normalsterbliche« nicht nachvollziehbar - es bleibt das Jonglieren mit Zahlen, nicht mehr. Schon das Leben der Zellaktivatorträger entfernt sich sehr weit von der Alltagserfahrung. Im Schnitt liegt die Lebenserwartung der Terraner des 13. Jahrhunderts NGZ bei 200 Jahren; einige mögen um etliche Jahrzehnte älter werden, andere sterben früher - aber sogar dieser Mittelwert übertrifft jenen, der für das ausgehende 20. Jahrhundert galt, um mehr als das doppelte. Wie gestaltet sich ein solches Leben? Welche Erfahrungen lassen sich, auch und nicht zuletzt mit Blick auf die Reisemöglichkeiten in der Milchstraße, in dieser Zeitspanne machen? Wie sieht es mit Partnern, Kindern, Enkeln, Urenkeln aus? Fortgeschrittene Medizin und ihre Möglichkeiten kommen hinzu; zwar sind nicht alle Krankheiten überwunden, neue kommen sicher hinzu, aber unter dem Strich leben die Zeitgenossen des 13. Jahrhunderts die meiste Zeit in »blühender Gesundheit«, weitgehend kraftvoll und jugendlich. Und die mit aufstockender Hypnoschulung verbundenen Aspekte sind ebenfalls nicht zu vernachlässigen - die Forderung nach lebenslangem Lernen und Fortbilden, schon im endenden 20. Jahrhundert eine maßgebliche gesellschaftliche Änderung, gilt noch verstärkt. Herausforderungen gibt es ohne Zweifel im ausreichenden Maß, seien sie nun im Äußeren oder im Inneren angesiedelt, sei es Forschung und Entdeckung zwischen den Sternen oder in den Tiefen des eigenen Bewußtseins und seiner Kreativität, seiner künstlerischen Begabung und was auch immer.
 
Viele Normalsterbliche der galaktischen Gesellschaft mögen wie ihre fernen Vorfahren die Gedanken und eine Beschäftigung mit dem »Lebensende«, dem unweigerlich herannahenden Tod, verdrängen, ignorieren, ihm ausweichen. Andere gehen damit vielleicht ganz bewußt und gezielt um - der Möglichkeiten gibt es viele. Und doch ... Bei rund zwei Jahrhunderten ist die Grenze erreicht. Der Sensenmann klopft an und grinst. Wir mögen dann bereit sein oder nicht, er nimmt uns mit. Aber was sind 200 Jahre gegen 1000, gegen 10.000, gegen 100.000, gegen eine Million - und mehr? 10.000 Jahre zurück lebten auf der Erde steinzeitliche Jäger und Sammler - Atlan kann uns davon berichten, er war dabei, hat es erlebt. Ein noch »überschaubarer« Rahmen. Individuell zwar kaum nachzuvollziehen, dennoch »einigermaßen handhabbar«. 100.000 Jahre: Das ist eine Zeitspanne, die uns zu sehr fernen Vorfahren zurückführt und fremd bleibt. Wirklich fremd! Tausende Generationen, ungezähltes Schlafengehen und Erwachen, Essen, Waschen, Lieben ... Eine Million Jahre: das erste Erscheinen des Schwarms in der Milchstraße. Eine Zeitspanne, in der Hunderte oder Tausende Sternenreiche auf der galaktischen Bühne erschienen, zur höchsten Blüte heranreifen, wieder verschwanden, die meisten spurlos. Die Schicksale ungezählter Individuen, mit all ihrem Glück, ihrem Leid, ihren Träumen, ihren Wünschen, ihrem Streben und Versagen - und dazu eine Lebensspanne, die die gesamte Zeit erfaßt, ein Leben, das dabei war, ebenso zuschauend wie teilnehmend? Die Steigerung: ein Diener der Materie, von seiner Natur her dank seiner Kräfte und Möglichkeiten dem »Normalen« entrückt, irgendwo zwischen einem Supermutanten und dem Bewußtseinskollektiv einer Superintelligenz; mit einer Macht ausgestattet, die durch die Kosmische Fabrik verkörpert wird, in der Lage, ganze Sonnensysteme mit einem Pffft aus dem All zu fegen ... Teufel noch mal - was macht so jemand die ganze Zeit, in Jahrmillionen?
 
Sicher, es gibt mit den Direktiven verbundene Aufgaben, er muß gegen die »Kräfte des Chaos« kämpfen, ist zwischendurch für Jahrhunderte oder Jahrtausende eingebunden, merkt vielleicht manches Mal nicht, wie schnell die Zeit vergeht, wie die Jahrzehnte dahinrasen. Doch dann, plötzlich, für Jahrhunderte »Leerlauf«. Beschäftigungstherapie mag manches überbrücken, aber irgendwann wird das schönste und liebste Hobby fad. Langeweile macht sich breit, die Frage nach dem Sinn rumort und bohrt. Phasen von Depression kommen und mögen wieder vergehen; daß sie allerdings wiederkehren werden, ist ebenso sicher, dann vermutlich noch intensiver, noch schmerzhafter, noch traumatischer. Droht Wahnsinn? Geistige Umnachtung? Jahrmillionen bieten genug Zeit, sämtliche wie auch immer gearteten Ängste, Phobien und sonstigen Extreme auszuleben und wieder zu überwinden. Ein maßgeblicher Aspekt wird der gesteigerte Wunsch nach dem noch besseren Kick sein, die noch größere Herausforderung - dicht benachbart von Lethargie, wenn nicht gar Agonie, weil schon das Aufraffen zu neuer Aktivität, zu neuen Ideen so qualvoll und schwierig ist, denn die Last der Jahre drückt und quetscht und martert. Ganz zu schweigen von der Einsamkeit! Ein Menschenleben, Leben überhaupt, ist dagegen nichts. Eintagsfliegen - schon wieder verschwunden, ehe es überhaupt richtig bemerkt werden kann: Huch, war da was ...? Entfremdung kann nur ein befehlsmäßiger Begriff sein. Schon durch ihre Art an sich sind die Diener der Materie normalem Leben entfremdet. Gesteigert wird das durch die Lebensspanne, die eigene »Unsterblichkeit«, die eigene »Überhöhung«. Es würde verwundern, wenn wir es bei diesen Geschöpfen nicht mit Exzentrikern zu tun hätten - aber genau das macht sie absolut unberechenbar und gefährlich ...
 
Apropos 1995:
Ein Erdbeben der Stärke 7,2 erschüttert die Region um Kobe und Osaka; in Europa wird an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren erinnert; in Bosnien eskaliert die Situation, UN-Soldaten werden als Geiseln genommen; das Reichstagsgebäude in Berlin wird verhüllt; Yitzhak Rabin wird ermordet; Christiane Nüsslein-Volhard erhält mit zwei amerikanischen Kollegen den Medizin-Nobelpreis


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