Hyperraumwesen


Kommentarnummer: 1100

Heftnummer: 1976

Erschienen: 01.01.1970

Betrifft die Begriffe:

   

   

Autor:

Rainer Castor

Erster Teil:

Weitere Teile:

            



Wenn man sich vor Augen führt, wie schwer es fällt, einen anderen Menschen zu verstehen, und dieses Problem vielfach gesteigert überträgt, erhält man eine vage Ahnung dessen, was für Barrieren und Hürden wirklich beim Kontakt mit Fremdvölkern bestehen. Und da behaupten doch schon auf der Erde Frauen wie Männer von Vertretern des jeweils anderen Geschlechts, es sei unmöglich, ihre Gedanken, Handlungen und Gefühle zu begreifen ... Kleinste Nenner einer gemeinsamen Konvention sind notwendig, um Fremdkontakte nicht zu einer Abfolge von Mißverständnissen und zu permanenten Konflikten werden zu lassen - »Schnittmengen« gewissermaßen, die ganz einfach vieles außen vor lassen müssen. Unter Lemurer-Nachkommen und vergleichbaren »hominiden« Wesen läßt sich das einigermaßen bewerkstelligen, nicht zuletzt durch eine speziesübergreifende, mehr oder weniger künstlich geschaffene, auf logisch-mathematischen Grundlagen basierende Sprache wie beispielsweise der lingua franca des Interkosmo. Nimmt nun ein Gataser mit seiner in den Ultraschallbereich hineinreichenden Kommunikationsweise an einem solchen Gedankenaustausch teil, ist zunächst die damit verbundene Schwierigkeit zu überwinden, ehe es überhaupt an die Inhalte und ihre Diskussion gehen kann. Translatoren und die Mittel syntronischer Berechnung helfen hier naturgemäß, machen jedoch deutlich, daß die Kontaktherstellung an sich problematisch genug ist. Als Beispiel kann auch die Entschlüsselung von Walgesängen dienen, da hier ein anders gearteter Lebensraum hinzukommt, verbunden mit seiner Wahrnehmung und völlig anderer Weltsicht. Um wie viel gravierender ist da erst ein solcher Kontaktversuch bei Geschöpfen wie den Guan a Var, denen sogar der Bezug zum uns vertrauten Raumzeitkontinuum fehlt?
 
Die Schwierigkeit beginnt bereits damit, daß wir vom »Hyperraum« (sofern es überhaupt den Hyperraum gibt ...) bestenfalls vage Vorstellungen und Modellbilder besitzen, welche ihrerseits in erster Linie auf mathematischen Formalismen beruhen. Das oft zitierte Gleichnis von den zweidimensionalen »Wanzen-Wesen« mag hierbei zwar recht anschaulich sein, hilft in der Praxis aber nicht sonderlich, wenn wir mit Hyperraumwesen konfrontiert sind, die ja ebenfalls mit diesen Problemen zu ringen haben. Der Unterschied der eigentlichen Weltsicht bleibt evident. Was kennzeichnet, so weit wir es sagen können, den Hyperraum? Im Verhältnis zur uns bekannten Welt ist er eine Singularität. Dieser Begriff ist in der Physik der Ausdruck dafür, wenn eine physikalische Größe unendlich wird und/oder wenn die bekannten physikalischen Gesetze ihre Gültigkeit verlieren; eine Bedingung - kein Raum, keine Zeit, keine Materie -, die aus unserer Sicht für den Hyperraum zutrifft und bei der die Mathematiker von »Nullmenge« sprechen. Allgemein formuliert und vereinfacht gilt nach der dimensionsgeometrischen Betrachtung, daß Figuren der 2-D-Ebene von Geraden begrenzt werden, Figuren im 3-D-Raum durch Flächen und solche der »vierten Dimension« eben von Körpern, während Figuren fünfdimensionaler Struktur sogar von vierdimensionalen Polytopen ihre Gestalt verliehen bekommen - und entsprechend viele »Körper«, »Flächen« und so weiter aufweisen. Mit Blick auf das Multiversum wird weiterhin ausgesagt, daß Teilkontinua des Hyperraums dem Standarduniversum parallele, alternative, komplementäre und sonstwie verschiedene Universen darstellen, deren Ganzheit aber mehr als nur die bloße Summe der Teile ist.
 
Zur Beschreibung dienen unter anderem Modelle auf holistischer Basis, die von einer mehr oder weniger potentiellen, akausalen, nicht-lokalen Verbundenheit von »allem mit allem« ausgehen, auf die vielleicht an anderer Stelle im Einzelnen einmal eingegangen werden kann. Sofern keine Schutzmaßnahmen ergriffen werden - beispielsweise in Gestalt einer Grigoroffschicht oder einem Halbraumfeld -, bedeutet für uns das Eindringen »in den Hyperraum« der Verlust der raumzeitlich fixierten Struktur, vereinfachend »Entmaterialisation« genannt. Modell hierzu kann ein Dia-Projektor sein, dessen Bild nur dann sichtbar ist, wenn die Projektionsebene einer Leinwand in den Strahlengang gehalten wird. Sowie diesem flächig projizierten Bild aber Gelegenheit gegeben wird, Tiefe und Körperlichkeit zu entwickeln - beispielsweise die Projektion in einen Glasbehälter erfolgt, der mit trüber Flüssigkeit gefüllt ist -, wird das ursprünglich klare und konturenscharfe Abbild undeutlich, fließt auseinander und verschwimmt. Für die Guan a Var könnte dieses Verschwommene ihr Bild von unserer Welt sein - vielleicht. Ihnen eigen ist dagegen die direkte Wahrnehmung des Hyperspektrums, der Umgang und das Leben mit fünfdimensionalen Strukturen, der Rest ein im wahrsten Sinne des Wortes Schattenhaftes ... - das ist und bleibt die nicht zu überwindende Hürde. Daß die Guan a Var ihren natürlichen Trieben von Ernährung und Arterhaltung folgen und gar nicht begreifen, nicht begreifen können, was sie damit im Standarduniversum anrichten, macht die Angelegenheit nicht einfacher. Im Gegenteil, wie folgendes Beispiel zeigt: »Lieber Terraner, deine Art zu Leben zerstört uns und unsere Welt«, sagt die 2-D-Wanze. »Bitte hör auf zu atmen ...« Unsere Antwort dürfte wohl der der Sonnenwürmer gleichen ...
 
Apropos 1976:
Agatha Christie stirbt; der Autogurt wird Pflicht in der Bundesrepublik; der Physiker Werner Heisenberg stirbt; der Film »Einer flog über das Kuckucksnest« erhält fünf Oscars; in Seveso kommt es zu einem Giftgasunfall mit TCDD; die Reinigung einer von Joseph Beuys gestalteten Badewanne führt zum Gerichtsverfahren, an dessen Ende die Wuppertaler Stadtverwaltung zur Zahlung von 165.000 DM Schadensersatz verurteilt wird ...


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