Taktik und Strategie


Kommentarnummer: 1120

Heftnummer: 1996

Erschienen: 01.01.1970

Betrifft die Begriffe:

   

   

Autor:

Rainer Castor

Erster Teil:

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Von einem spöttischen Zeitgenossen stammt folgende Definition: »Was ist Taktik? - Wo gibt's was zu essen? Was ist Strategie? - Wie kommt man am leichtesten dran?« Bezogen auf die Lage in Chearth in gewisser Weise nicht einmal die schlechteste Definition. Betrachten wir die Situation der beiden Seiten: Da sind die Algioten, die, von ihrem Glauben getrieben (andere sagen dazu Fanatismus), ihren Gott Gaintanu befreien wollen und sich Unsterblichkeit erhoffen, wenn erst einmal das »Tor der Erleuchtung« geöffnet ist. Der erste Vorstoß wurde von den psi-reflektorischen Kräften der Gharrer abgewehrt, der zweite dagegen begann mit Shabazzas - vulgo Gott Xions - Hilfe und aufgrund seiner Aufwieglung sehr vielversprechend: Vormarsch über die bestehende »Sternenbrücke« im Leerraum in Form der Verbindungsbahnhöfe, Einsatz einer starken Invasionsflotte von rund 200.000 Raumern, ein Gegenmittel gegen die Psi-Reflexion der Gharrer - alles gut geplant und umgesetzt. Nicht umsonst mußte Mhogena ja die Galaktiker um Hilfe bitten ... Dem gegenüber steht die andere Seite: Gharrer und Wlatschiden - und wie die Völker in Chearth alle heißen - sind auf eine solche Invasion eigentlich nicht vorbereitet, aber sie konnten dennoch, wie schon erwähnt, den ersten Vorstoß abwehren. Beim zweiten Versuch der Algioten sah die Angelegenheit schon schlechter aus, weil sich zu sehr auf die »Befriedungsmöglichkeiten« der Gharrer verlassen wurde.
 
Aber die Psi-Reflektoren erzielten keine Wirkung mehr, der Invasionsflotte hatte man kaum etwas entgegen zu sehen. Und so nahm das Schicksal seinen bekannten Lauf. Als dritter Faktor kamen dann die Galaktiker hinzu; technisch zwar überlegen, aber gegen die Übermacht letztlich ebenfalls chancenlos, so daß sich auf wenige Punkte konzentriert werden mußte. Viele Hunde sind bekanntlich des Hasen Tod. Verständlich also, daß das Hauptaugenmerk konzentriert blieb: Das Herumwerkeln am Sonnentresor sollte unterbunden werden, leider mit mäßigem Erfolg, denn das Entkommen der ersten Guan a Var konnte nicht verhindert werden. Die zweite Maßnahme war unter der Rubrik »Hilfe zur Selbsthilfe« zu sehen - sprich eingeschränkter Technologietransfer, um insbesondere die Wlatschiden zur besseren Gegenwehr in die Lage zu versetzen. Drittens wurde fieberhaft an einer Lösung gearbeitet, um es den Gharrern zu ermöglichen, ihre Fähigkeit der Psi-Reflexion einzusetzen; sprich: Ein wirkungsvoller Netz-Neutralisator mußte her. So weit - so gut, beziehungsweise schlecht. Denn mit Dro ga Dremm kam auf der Seite der Algioten ein Scoctore an die Macht, der mehr wollte und will. Mit bloßer Bekehrung und Mission und der Befreiung des angeblich im Sonnentresor gefangenen Gottes ist es ihm nicht getan. Er will die Macht über zwei Galaxien, und er geht dazu eiskalt über Leichen - beim Gegner wie auch bei den eigenen Leuten, allen möglicherweise intern aufkeimenden Widerständen zum Trotz. Hier hieß es nun auf Seiten der Galaktiker zu reagieren, obwohl das Hauptaugenmerk weiterhin auf die drohende Gefahr durch die Sonnenwürmer gerichtet war und Priorität hatte, nicht zuletzt auch in der Hoffnung, daß der von den Halutern zusammengebaute Yaronag Wirkung zeigen würde.
 
Die Öffnung des Siegels der Gomrabianischen Hyperraumhügel bot sich als eine vielversprechende Variante ein; brutal und kompromißlos zwar, unter dem Strich aber überaus effizient. Leider eine Rechnung, die ohne den Wirt gemacht wurde, in diesem Fall Mhogena ... In der Rückschau stellt sich nun die Frage, ob beide Seiten tatsächlich die ihnen zur Verfügung stehen taktischen und strategischen Möglichkeiten ausgereizt haben. Soweit es die Algioten betrifft, kann wohl mit einem klaren Ja geantwortet werden, zumindest bis zur Machtübernahme Dro ga Dremms. Dessen Starrsinnigkeit und Verbohrtheit führen vermehrt zu Fehlern auf beiden Gebieten, gefolgt von sich verstärkendem Unmut in den Reihen der Algiotischen Wanderer. Gilt das auch für die Seite der Verteidiger, auf der Persönlichkeiten wie Atlan, Tekener und Icho Tolot stehen? Ein Ex-Admiral wie der Arkonide, aufgewachsen und geschult in der ersten heißen Phase des Methankriegs, hätte durchaus Mittel und Wege gefunden, effizienter zuzuschlagen - wenn auch vermutlich um den Preis eines noch erbittert geführten, womöglich lange andauernden Krieges. Eines Krieges, in dem die chearthische Seite von der Verteidigung zum Angriff hätte übergehen müssen.
 
Das ist die Erklärung, weshalb er nicht anders vorging, denn Überreaktionen sind bei Fanatikern nie auszuschließen, mit fatalen Folgen für alle Beteiligten. Dennoch: Wie hätte ein anderes Vorgehen beispielsweise aussehen können? Schritt Eins: wie gehabt - das Zurückschlagen der Algioten beim Sonnentresor. Schritt Zwei: Isolation der Algioten durch konsequentes Abschneiden der Nachschubwege - also Vernichtung von mindestens einem oder zweien der Weltraumbahnhöfe durch rasche, gezielte Attacke; somit keine Möglichkeit zur Rückkehr beziehungsweise einer Aufstockung aufgebrauchter Elcoxol-Vorräte; gefolgt von gezielten Angriffen auf die>Elcoxol-Raumer. Dies hätte bedeutet, daß zumindest die Tazolen sich verstärkt um eine Rückkehrmöglichkeit nach Algion hätte bemühen müssen (oder noch schlimmer in Chearth gewütet hätten) …
 
Daß sich Atlan nicht für diese Lösung entschied, war nicht zuletzt eine Güterabwägung. Inwieweit sie letztlich erfolgreich sein wird, wird sich herausstellen.
 
Apropos 1996: Als letztes Land der Europäischen Union schafft Belgien die Todesstrafe ab; Deutschland wird Fußball-Europameister; erstmals werden gentechnisch veränderte Sojabohnen aus US-Anbau nach Deutschland eingeführt; mit »Toy Story« startet der erste komplett am Computer entstandene Spielfilm; Francois Mitterrand stirbt; kurz nach dem Start explodiert eine »Ariane 5«; in Oberhausen wird mit dem »CentrO« das größte Einkaufszentrum Europas eröffnet


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